Männer schauen da nicht zu

Aktualisiert: Sept 2


Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.


“Ich habe nicht vor, während der Geburt zuzuschauen, wie mein Baby auf die Welt kommt. Das finde ich abstossend - wie soll ich später wieder mit meiner Frau Sex haben? Ich kann sie nie wieder mit den gleichen Augen anschauen, nachdem ich das gesehen habe. Ich bleibe lieber bei ihrem Kopf, das ist für unsere Beziehung besser.”


Viel zu oft höre ich Aussagen wie diese. Fast immer stimmt die Partnerin zu - oder wünscht sich sogar als Erste der Beiden, dass ihr Mann bei der Geburt nicht die Vulva anschaut. Sie hat Angst, dass ihn das ekeln könnte. Als Geburtsvorbereitungscoach erlebe ich diese Haltung mehr als es mir lieb wäre. Ich habe mich schon öfters gefragt, wie diese Meinungen zustande kommen. Was sicher ist: Ideen und Vorstellungen einer Geburt zirkulieren eifrig in Freundes- und Familienkreisen und am Arbeitsplatz (so zirkulieren auch Horrorgeschichten von Geburten, die über Freundinnen und Freundeskreisen geteilt werden wie Babykleidung und Accessoires). Diese Vorstellungen beziehen sich natürlich auf materialistische, praktische und erziehungstechnische Herangehensweisen, betreffen aber auch Ideen, wie eine Geburt handzuhaben ist. Diese werden oft nicht hinterfragt, sondern einfach so angenommen und weitergeführt. Und so das Beispiel der Haltung des Mannes gegenüber der Geburtsphase: ein Mann bleibt beim Kopf, nicht bei der Öffnung. Es ist eine Ablehnung des weiblichen Geschlechtsorgans in einem der wichtigsten Akten ihres Lebens: bei der Entstehung eines neuen Lebens. In der westlichen Welt leider ein gesellschaftlich etablierte Rollenverteilung - quasi, Männer schauen da nicht zu, das ist ekelhaft und Tabu.


Grundsätzlich sind Bilder von gebärenden Frauen gesellschaftlich Tabu. Zeitschriften, Online Medien, Social Media stufen ab, wie detailliert sie eine Geburt abbilden und beschreiben. Graphic, violent or sensitive content , heisst es da zum Beispiel. Vor nicht allzu langer Zeit war eine Geburt auch eher Frauensache - der Mann durfte draussen warten wenn er überhaupt mit dabei war, während die Frau Zuhause oder später im Krankenhaus in einen Kreis von Frauenhänden gebären durfte.


Nun, welche veralteten Muster wir im Unterbewusstsein noch mit uns tragen, oder wie Social Media das Screening von Posts genau durchführt, sind eher Nebenschauplätze. Noch viel wichtiger ist die Ungleichheit in der Herangehensweise an die Geschlechtsorgane in unserer Kultur. Während in der Aufklärung Jugendlicher ein grosser Fokus auf die Funktion des Penis gelegt wird, kriegen die weiblichen Geschlechtsorgane eine eher passive, rezeptive und vor allem statische Rolle. Dass sich beim Empfinden von Lust ein Penis vergrössert, ist der ganzen Welt klar und in der Alltagssprache sehr verbreitet. Spätestens in der Primarschule und später nochmals in der Oberstufe wird in der Sexualkunde beschrieben, wie und warum der Penis sich in der Form und Funktion verändern kann - im grossen Gegensatz zur Vulva oder allgemein zum weiblichen Geschlechtsorgan. Wir erklären unserer jüngsten Generation wie Babies entstehen, wie sie im Mutterleib wachsen und auf die Welt kommen - aber niemals wird im Detail erwähnt, wie der weibliche Körper den Vorgang einer Geburt durchführt. Eine Geburt wird angesehen als etwas, das der Frau passiert - und nicht als etwas, das die Frau macht.


Selten bis nie wissen weder Männer noch Frauen, welche Rolle das weibliche Geschlechtsorgan bei der Geburt genau hat. Ein Verständnis für die körperlichen Funktionen zu vermitteln, ist in meinen Augen der wichtigste Teil meiner Arbeit in Geburtsvorbereitungskursen. Alles ist ganz logisch und gut von der Natur vorgesehen und funktioniert seit hunderttausenden von Jahren genau so wie es soll. Hormone schaffen einen weichen Muttermund. Die Muskeln der Gebärmutter ziehen hoch, um den Muttermund zu öffnen. Das Hormon Relaxin hilft, Bänder, Schambeingelenk und Becken locker und weich zu machen, um möglichst viel Platz für das Baby zu ermöglichen. Eine natürliche Feuchtigkeit hilft, den Geburtsweg geschmeidig zu machen. Das Hormon Oxytozin - das Hormon der Liebe und Geborgenheit - das Hormon, das wir bei Sex, Liebe, Körpernähe ausschütten - steuert die Gebärmutter und somit die gesamte Geburt. Mit Oxytozin sind auch Estrogen und Progesteron mit dabei, die eine erhöhte Durchblutung der Vulva ermöglichen. Der Vaginalbereich erweitert sich. Der Geburtsweg, die Labia Majora und Minora, die Klitoris, und die Vulva werden mit der doppelten Menge Blut durchströmt, sodass sie empfindlicher, grösser und dehnungsfähiger werden. Die Vulva vergrössert sich also, und macht Platz für das Baby. Der Frauenkörper arbeitet mit ihr und für sie.


Es ist schockierend, wie dieser Aspekt nicht nur in der weit verbreiteten Geburtsvorbereitung von Spitälern und Hebammen vernachlässigt wird, sondern auch in eine medizinalisierten Geburtskultur mündet. Die körperlichen Aspekte ist eine Frage für

Fachleute - für Ärztinnen und Ärzte. Die Frage ist, warum dieses Wissen nicht mehr verbreitet ist? Warum so viele noch in einer Angst sitzen, was die Geburt betrifft? Warum so viele noch das Bild einer rezeptiven, empfänglichen Vagina haben, anstelle einer starken, fähigen Vulva. Wird online nach der Vergrösserungsfähigkeit eines Penis gesucht, wird der Leser gleich auf Themen wie Samenerguss und Lustempfinden gelenkt. Wird nach dem Gleichen für die Vulva gesucht, stossen wir auf Infoseiten mit “Ursachen, Symptome, Behandlung” - weniger darüber, dass geschwollene Labia und später auch Vulva sehr erwünschte Nebeneffekte einer Schwangerschaft und Geburt sind.


Ja, für viele ist eine Geburt nicht erregend oder sexy. Muss es ja auch nicht. Aber eine Geburt ist etwas positives und nicht etwas fürchterliches. Viele assoziieren Ängste und Sorgen. Bilder von vergrösserten Vulvas während sich ein Köpfchen bemerkbar macht, verursachen ein unwohles Gefühl. Was in unserer Gesellschaft aber wirklich fehlt, ist die Gleichstellung der Geschlechtsorgane in dieser Funktion. Wenn alle wissen würden, wie veränderungsfähig die Vulva ist, wären wir einen Schritt weiter zur Selbstbestimmtheit - in der Schwangerschaft und Geburt. Davon profitieren Mutter und Vater - und das Kind. Es ist an der Zeit, die Vulva zu ehren - und nicht nur wenn es um Sex oder Lustempfinden geht, sondern auch wenn es um Entstehung und Liebe geht. Zeit der Vulva den grössten Respekt zu zeigen, wenn sie deinem Baby in die Welt verhilft. Die bekannte Autorin und berühmteste Hebamme der Welt Ina May Gaskin hat mal gesagt “Es gibt kein anderes Organ, das sich mit der Gebärmutter nur annähernd vergleichen liesse. Besässen Männer ein solches Organ, würden sie damit angeben. Das sollten wir Frauen auch tun”. Ja - wir sollen damit angeben. Ob im schwangeren oder nicht-schwangeren Zustand und ob Gebärmutter oder Vulva. Die Hoffnung bleibt, dass Vulva & Co. bald nicht mehr als passive Zuschauer einer Geburt gelten, sondern endlich als essentiell verstanden werden.


Hannah Ladda

diepositivegeburt.ch

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