Sex ist wie Zähneputzen

Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.


Schnäggli, Schnäbi und Bümsle. Das waren die ersten Worte, die ich in Zusammenhang mit Sexualität und dem menschlichen Körper gelernt habe. [Schnäggli ist übrigens ein Synonym für "das da unten"]. Meine Eltern haben Sexualität und die damit verbundenen Themen offen angesprochen. Dachte ich zumindest als Kind. Erst als erwachsene Frau haben sie mir erklärt, dass sie oft mit ihrer eigenen Scham konfrontiert waren. Und trotzdem haben sie so vieles richtig gemacht.

Heute bin ich Sexologin [und Sozialarbeiterin]. Ganz anders wie früher, als ich mich als Sozialarbeiterin vorgestellt habe, überkommen meine Gegenüber heute ganz viele verschiedene Emotionen, wenn ich mich als Sexologin vorstelle. Neugier. Angst. Unsicherheit. Scham. Abwehr. Begeisterung. Undsoweiter.

Warum löst Sexualität so viele verschiedene Emotionen bei Menschen aus?

Noch vor hundert Jahren war partnerschaftliche Sexualität der Institution Ehe vorbehalten, Selbstbefriedigung allgemein absolut verpönt. Sexualität diente gesellschaftlich gesehen allein der Reproduktion. Methoden zur Empfängnisverhütung waren nicht verbreitet, Abtreibung galt als Mord und Homosexualität sowie andere sexuelle Identitäten oder Orientierungen waren gesetzlich verboten. Das Triebmodell von Sigmund Freud setzte sich durch. Demnach sei die Sexualität ein Trieb, wie ein brodelnder Dampfkessel, der irgendwann explodiert.

Erst ab den 1960er Jahren entwickelte sich eine liberalere Haltung. Das Jahr 1968 steht für die sexuelle Revolution. Sexualität hat seither nicht mehr einzig die Funktion der Fortpflanzung, vielmehr wird die Lust zu einer wesentlichen Funktion der Sexualität. Anfang der 1960er Jahre wird zudem die Pille eingeführt, die erste hormonelle Empfängnisverhütung für die Frau. Sexuelle Selbstbestimmung, Vielfalt und Freiheit werden mehr und mehr möglich. In dieser Zeit wird auch erstmals der Begriff der Sexualaufklärung etabliert. Damit einher geht die Entwicklung von der Verbots- zur Verhandlungsmoral. Aber auch der Zwang zu Konsum und Leistung von Sexualität. Die Befreiung der Sexualität setzt neue Normen, nach denen die Lust das oberste Ziel, aber auch das oberste Gebot darstellt. Das eine Extrem löst das Andere ab.

In den 1980er Jahren wird HIV und Aids entdeckt. Der Fokus der Sexualaufklärung liegt nun auf der Prävention und dem Schutz vor HIV und STIs (Sexually Transmitted Infections.

Gesetzliche Veränderungen hinken meist hinterher. Erst 1991 wird beispielsweise die Homosexualität von der Liste der Störungsbilder nach ICD10 entfernt. Die Vergewaltigung in der Ehe ist seit den 1990er Jahren strafbar, seit 2002 gilt in der Schweiz die Fristenregelung für die Abtreibung, demzufolge ist ein Abort in den ersten 12 Schwangerschaftswochen straffrei.

Seit den 2000er Jahren etabliert sich der Begriff der sexuellen Bildung nach und nach, in der Schweiz hat er sich bis heute jedoch noch nicht durchgesetzt. Der Hauptfokus sexueller Bildung liegt auf der Förderung sexueller Selbstbestimmung**. Sexuelle Bildung kombiniert Prävention und Wissensvermittlung mit der Förderung selbständigen Lernens und der Vermittlung von sozialen Kompetenzen, die der sexuellen Zufriedenheit zugutekommen. Sexualität wird als eine Bereicherung geschätzt und jegliche Vielfalt an sexuellen Identitäten, Lebensweisen und Erfahrungen ist akzeptiert.

Dieser kurze, und sicherlich nicht vollständige, Überblick über die letzten 100 Jahre zeigt auf, warum wir heute da stehen, wo wir gerade sind. Es macht verständlicher, wieso Sexualität und Themen der sexuellen Gesundheit uns auch heute noch verunsichern, verängstigen, beschämen.

Denn erst seit rund 20 Jahren wird sexuelle Gesundheit, zumindest in Fachkreisen, als wesentlicher Teil der menschlichen Lebensqualität anerkannt. Erst in den letzten paar Jahrzehnten wächst die Erkenntnis, in einem noch kleinen Teil der Gesellschaft, dass sexuelle Gesundheit mehr ist, als Möglichkeiten der Empfängnisverhütung und das Verhindern von Krankheiten.

Sexuelle Gesundheit beinhaltet einen selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Sexualität. Das kann Freude, Genuss und Spass am Sex sein, aber viel mehr noch ist es die aktive und stetige Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohlbefinden und den eigenen sexuellen Bedürfnissen.

Sexualität kann Hochgefühle, Ekstase und Genuss bewirken. Sexualität kann aber genauso Hemmungen und Schamgefühle verursachen, Angst machen, Ekel auslösen, Schmerzen bereiten und noch Vieles mehr. Und das ist alles. ganz. normal.

Und Sexualität und Themen der sexuellen Gesundheit sind noch immer geprägt von Tabus und Stillschweigen. Eben deshalb löst Sexualität bei Menschen die unterschiedlichsten Emotionen aus. Und das darf sein.

"Sex ist wie Zähneputzen".

Ein Zitat meines Vaters. Er wollte mir damit als Kind verständlich machen, dass Sex haben [Selbstbefriedigung oder partnerschaftliche Sexualität], etwas so Normales ist, wie sich täglich die Zähne zu putzen.

Und genau darum geht es mir heute. Sexualität soll, in all ihren Facetten, etwas ganz Normales sein. Nicht im Sinne, dass Sexualität einer gesellschaftlich gesetzten Norm entspricht. Normal im Sinn von selbstverständlich. üblich. alltäglich. Normal im Sinn von weder gut noch schlecht. Normal im Sinn von, Sexualität gehört zum Leben, unabhängig von deren Form und Identität.

Aber wie wird Sexualität zu etwas Normalem [Selbstverständlichem]?

Indem wir darüber sprechen. offen. authentisch. emotional. Sexualität selbst ist schon Kommunikation: mit sich selbst in Verbindung zu sein, ebenso wie mit dem/der Partner*in. Aber so oft fehlt es noch an ausgesprochenen Worten. Es braucht Mut, die persönlichen sexuellen Bedürfnisse wahrzunehmen, anzuerkennen und auszusprechen. Es braucht Mut Emotionen zu zulassen und zu formulieren, vor sich selbst und anderen. Aber wenn du ehrlich zu dir selbst bist, was gibt es zu verlieren? Den meisten von uns fehlt es einzig an etwas Übung, weil wir [noch] nicht gelernt haben, über unsere Sexualität zu sprechen. [Tipp: Überleg dir mal, was waren deine ersten Worte, die du in Verbindung mit Sexualität gelernt hast?]

Meine Botschaft für Dich: Sprich über Sexualität. Sei mutig. Befrei dich. Und wenn du jetzt Lust bekommen hast auf Mehr, mehr lernen, mehr erfahren, mehr erleben, schau auf meiner Website vorbei. Speziell für Frauen* organisiere ich einen Sex Talk, denn auf Worte möchte ich Taten folgen lassen.

Selina Killer

www.aboutsex.ch

** Sexuelle Selbstbestimmung ist die Fähigkeit, eigenständig über die persönliche Sexualität zu entscheiden. Darüber, wie die eigene Sexualität gestaltet, wie sie gelebt und wie die eigene sexuelle Identität definiert wird und sich entwickelt.

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