Sexualität und die eigenen Bedürfnisse - ein Erfahrungsbericht

Aktualisiert: Okt 8

Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.


Meine Maturarbeit habe ich über das Thema "sexuelle Belästigung an Frauen* aus der Sicht von Männern" geschrieben. Dafür habe ich 8 Interviews mit 8 cis-hetero Männern und ein Gruppeninterview geführt. Teilnehmer des ungeplanten Gruppeninterviews waren Männer, mit denen ich vor ein paar Jahren sehr unangenehme Erfahrungen gemacht hatte. Dies ist wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb ich angefangen habe, mich mit meiner Vergangenheit und den ungewollten sexuellen Handlungen, die ich erfahren musste, auseinanderzusetzen.

Als ich mit 14 Jahren zum ersten Mal einen Freund hatte, war dieser drei Jahre älter und Sex stand für ihn damals selbstverständlich an erster Stelle. Da ich weder mit meinen Eltern noch in der Schule jemals über die Bedürfnisse oder Wünsche der Frau* und ebenso wenig über meine Sexualität gesprochen hatte, habe ich, ohne viel nachzudenken eingewilligt. Immerhin konnte ich mir einen Monat verschaffen; als ob das erste Mal dann spezieller oder bedeutender gewesen wäre. Nach diesem ersten Monat Beziehung, hatten wir regelmässig Sex. So oft, wie er, als 17-jähriger pubertierender junger Mann es brauchte. Über meine Bedürfnisse hatten wir nie gesprochen. Wie auch, ich wusste ja nicht einmal, dass ich Bedürfnisse haben durfte. Auch, weil er mich verbal oft zum Schweigen gebracht und non-verbal mit Gesten und Mimik unterdrückt und mir ein Gefühl von Unbedeutsamkeit vermittelt hatte. Meine Mutter wusste ansatzweise, wie sehr ich gelitten und wie oft ich geweint hatte wegen diesem Jungen.

Dass ich mich scheinbar unsterblich (ich war zu diesem Zeitpunkt immer noch 14 Jahre alt, rückblickend ist es klar, dass alles bloss eine Schwärmerei war) in einen neuen Jungen verliebt hatte, gab mir die Kraft gegeben, mich von meinem Freund zu trennen. Dieser neue Junge hatte mir zugehört, ohne mir nach wenigen Sätzen zu sagen, dass ich endlich mal meinen Mund halten sollte. Er hatte mich zu Wort kommen lassen, über meine Witze gelacht, mir auch ein paar Fragen gestellt, was für mich nicht stillbarem Interesse gleichkam zu diesem Zeitpunkt, und mir gesagt, dass ich schön aussehe. Was für ein Traummann. Noch nie war ich, in meinem doch sehr kurzen Leben, so gut von einem Jungen behandelt worden.

Doch mein erster Freund hatte damals schon seinen Schaden angerichtet. Mein Selbstwertgefühl, die Wertschätzung, die ich mir und meinem Körper nicht entgegenbringen konnte und meine unterdrückte Lust, begleiteten ich mehrere Jahre lang. In dieser Zeit wurde ich mehrmals sexuell belästigt und zu folgenschweren sexuellen Handlungen genötigt, über die ich auch heute kaum sprechen kann. Die Art, wie mein erster Freund mit mir umgegangen war, die Gefühle, welche er mir vermittelt hatte, haben sehr viel dazu beigetragen, dass ich mich in allen Situationen, in denen ich sexuell belästigt oder genötigt wurde, nicht stärker gewehrt habe. Auch, dass ich jemandem, mit dem ich ein paar Stunden rumgeknutscht habe, Sex schuldig bin, habe ich nie in Frage gestellt.

Es dauerte drei Jahre, bis ein junger Mann in mein Leben kam und mir zeigte, dass ich sehr wohl Bedürfnisse habe und über diese auch offen sprechen darf, nein, soll! Und weitere drei Jahre habe ich gebraucht, bis ich mich erstmals einer Person anvertrauen und über meine beängstigenden Erfahrungen sprechen konnte. Mein jetziger Partner ist der erste Mensch, der mir die Sicherheit gibt, meine Gefühle kundzutun und mich meinen Ängsten zu stellen. Mir ist durchaus bewusst, dass ich "nur" 6 Jahre gebrauchte habe, um mich jemandem zu öffnen. Es gibt viele Menschen, die nie oder erst viel später, über ihre Erfahrungen sprechen können. Trotzdem wünsche ich mir, dass meine Eltern eingegriffen hätten und von Anfang an offen über die Themen "Sex" und "Sexualität" gesprochen hätten, anstatt verklemmt darüber zu schweigen. Vor allem wenn ich meinen zwei jüngeren Schwestern beim Erwachsenwerden zusehe und merke, wie auch sie ein ziemlich ungesundes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper und der ganzen Sex Thematik haben. Ebenso wie Männer* die Aufgabe haben, diese Verhalten anzuprangern und anzugehen.


Liebe Schwestern*, Mütter*, Tanten*, liebe Freundinnen* Aber auch liebe Männer*, Väter*, Cousins* und Freunde* In meiner Maturarbeit hat sich ganz klar aufgezeigt, dass Männer (alle befragten waren cis-hetero, deshalb kein Genderstern) kaum über ihr eigenes Verhalten nachdenken. Erst wenn sie darüber sprechen, bemerken sie häufig, dass ihr Handeln nicht so unproblematisch war/ist, wie sie denken. Deshalb: Habt keine Hemmungen, über Sex zu sprechen, über Taten und Erfahrungen. Nur durch einen breiten Austausch können wir von- und miteinander lernen und so eine Welt erschaffen, in der Frauen* sich zu ihren sexuellen Bedürfnissen äussern und diese in Zustimmung mit ihren Partner*innen ausleben können. Keine Frau* sollte aus Angst, Unwissen oder Unmündigkeit dieselben oder ähnliche Erfahrungen machen müssen, wie ich.



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