Kinderbetreuung am Limit

Aktualisiert: Sept 15


Bildquelle: trotzphase.ch


Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.



Dieser Text basiert auf Erfahrungsberichten von Frauen*. Frauen*, die nach Feierabend an Sitzungen teilnehmen, die sich an den Wochenenden für ihre Anliegen engagieren, Frauen*, die Lohnarbeit, Hausarbeit und Carearbeit unter einen Hut zu bringen versuchen und denen dies in der Schweiz leider erstaunlich schwer gemacht wird.

Gerade Kinderbetreuung wird vorwiegend von Müttern, Grossmüttern, Nannies, Au-Pairs, Babysitter*innen, Fachpersonen Betreuung, Kleinkinderzieher*innen HF oder Sozialpädagog*innen geleistet. Der Grossteil dieser Arbeit wird also von Menschen getragen, denen die gesellschaftliche Rolle der «Frau» zugewiesen wird. Diese Arbeit wird in der Gesellschaft nicht wertgeschätzt und meist miserabel oder gar nicht entlohnt. Als Angehörige eines typischen Frauenberufs müssen wir wiederkehrend auf Zugeständnisse warten und für mehr Anerkennung sowie gegen ständige Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen kämpfen. Dabei leisten gerade wir, das Personal in der Kinderbetreuung, enorm viel und tragen entscheidend zur Integration, Bildung und Förderung von Kindern bei. Diese Entwicklungen sind jedoch nicht nur im Betreuungsbereich festzustellen, sondern ganz allgemein vorhanden, besonders in Bereichen, in denen viele Frauen* tätig sind. Die arbeitstätigen Menschen mit Kindern in unserer Gesellschaft sind auf eine professionelle und qualitativ hohe Betreuungseinrichtung angewiesen. Ohne qualifizierte Betreuer*innen kann das nicht gewährleistet werden.

Geringschätzung von sogenannt typischen Frauen*arbeiten kennen Betreuer*innen nur zu gut. Sie äussert sich beispielsweise in Kommentaren wie: «Was, um in einer Krippe zu arbeiten, braucht man eine Ausbildung?»

Sind die schlechten Arbeitsbedingungen auf die immer noch bestehende strukturelle Ungleichheit zwischen Mann und Frau zurückzuführen? Eine Kollegin erlebte folgende Situation: «Aufgrund meiner praktischen Abschlussprüfung in der Kita wurde den Eltern mitgeteilt, dass sie doch am Morgen pünktlich erscheinen sollen. Ein Vater hat mich daraufhin erstaunt gefragt, ob man eine Ausbildung braucht, um hier zu arbeiten. Bei vielen Leuten herrscht anscheinend immer noch die Meinung vor, dass die Betreuungsarbeit den Frauen in den Schoss gelegt wird und dass die Arbeit mit Kindern «härzig» und deshalb kein richtiger Beruf ist. Dies hängt klar damit zusammen, dass es sich bei der professionellen Betreuung um einen feminisierten Beruf handelt.»

Das sind Zustände, die wir nicht aushalten wollen. Die Trotzphase, ein Zusammenschluss von professionellen Kinderbetreuer*innen, haben es satt! Die Corona-Krise verschärft die prekäre Situation in der Kinderbetreuung zusätzlich. Diese Krise zeigt auf, welche grosse gesellschaftliche Rolle unsere Tätigkeit einnimmt. Unsere Arbeit wird gar als systemrelevant bezeichnet. Ohne Kinderbetreuung kann unsere Wirtschaft nicht funktionieren. Doch die nötige Anerkennung erhalten wir dafür selten. Vielmehr mussten Betreuer*innen in der Krise unter schwierigen Betreuungssituationen und gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen arbeiten.

Die Arbeitsbedingungen werden prekärer und der ökonomische Druck wird stetig erhöht. Es wird gekürzt, privatisiert und abgebaut. Nur durch den Einsatz von unausgebildetem, günstigem Personal wie Praktikant*innen, Aushilfskräften und Lernenden kann diese Last getragen werden. Den berufsspezifischen und ethischen Grundsätzen, wie zum Beispiel nicht nur den Grundbedürfnissen, sondern auch der gezielten Förderungen der Kinder, kann so immer weniger nachgekommen werden. Als Folge davon leiden in diesem Bereich arbeitende Betreuungspersonen unter einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen.

Die Politik kümmert sich jedoch wenig um unsere Anliegen. Ganz im Gegenteil – in den vergangenen Jahren wurden zusätzlich besorgniserregende Entschlüsse getroffen, die unsere pädagogisch anspruchsvolle Arbeit in der Kinderbetreuung abwerten. Doch es ist endlich an der Zeit, die zahlreichen Lücken zu schliessen – die Lücken in den Köpfen, in den Gesetzen, in den Strukturen und in den Budgets. Wir fordern die Integration der Frühen Bildung und Betreuung ins öffentliche Bildungswesen unter Einbezug des Einsatzes von qualifiziertem Fachpersonal und mit verbindlichen Qualitätsstandards.

Die Kinderbetreuung ist am Limit! Darauf wollen wir aufmerksam machen. Am 26. September 2020 rufen wir deshalb um 13.30 Uhr vor dem Rathaus in Zürich zu einer lautstarken Demonstration für die Kinderbetreuung auf!

Denn ohne gute Arbeitsbedingungen können wir keine pädagogisch wertvolle und nachhaltige Arbeit leisten. Damit es eine breite, starke Demo wird, brauchen wir euch alle:

FaBes, Sozialpädagog*innen, Eltern, Spielgruppenleiter*innen, Grosseltern, Nannys, Babysitter*innen und viele weitere, die sich eine bedürfnisgerechte Kinderbetreuung einsetzen! Werdet Teil der Demo, mobilisiert mit, macht Aktionen vor oder an der Demo, bringt Forderungen ein, was immer euer Kämpfer*innenherz begehrt - und vor allen Dingen: Seid laut mit uns!

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