(Wie) gendern?


Das Thema Gendern beschäftigt uns als Feministinnen und Sprachliebhaberinnen stetig. Doch kaum denken wir den / einen richtigen Weg gefunden zu haben, taucht ein neues Argument oder ein neuer Input auf, der uns alles hinterfragen lässt. Aber hey - das ist auch gut so! Sprache ist kein starres Konstrukt und stets im Wandel – so war das schon immer. Die Diskussionen darüber spiegeln den Zeitgeist und lassen uns kontinuierlich neu dazulernen. Wir haben viel gelesen, viel diskutiert und erklären euch im Folgenden unseren – momentanen – Standpunkt:


Die Frage "Gendern ja oder nein?" scheint auf den ersten Blick keine zu sein – auch in unserer Umfrage auf Instagram seid ihr euch einig: 93% geben an, zu gendern. Was uns zum Nachdenken gebracht hat, ist ein Text von Nele Pollatschek. Ihrer Meinung nach macht das Gendern die Diskriminierung noch schlimmer. Ihr Argument ist folgendes: Wenn wir gendern, dann wird das Geschlecht immer mitgenannt, während andere Kategorien wie Ethnizität oder Hautfarbe nicht explizit genannt werden.


"Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch. (…) Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig, dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen, wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur wichtigsten Identitätskategorie.” (Pollatschek, Tagesspiegel 2020)


Aus diesem Grund nennt sich Pollatschek selbst „Schriftsteller“. Wir finden diesen Gedanken nachvollziehbar, sehen aber grundsätzlich das Problem, dass es in der Deutschen Sprache für viele Wörter nun mal keine geschlechtsneutralen Formen gibt. So sehr es die Sache vereinfachen würde, wenn es nicht so wäre, lässt es sich nicht wegdiskutieren: Während im Englischen „writer“ geschlechtsneutral ist, ist das Wort “Schriftsteller" im Deutschen männlich. Und da Studien mehrfach gezeigt haben, dass das Generische Maskulinum als genau das aufgefasst wird, was es ist, nämlich maskulin, ist für uns klar: Gendern muss sein.


Wie also Gendern?

Wir haben bisher in all unseren Texten die Kategorien Frau und Mann mit einem Sternchen* gekennzeichnet, damit sich alle miteinbezogen fühlen, die das wollen – unabhängig von Chromosomen, Genitalien oder sonstigen biologischen Attributen. Neu lassen wir das Sternchen in diesem Fall weg: Wenn wir Frauen oder Männer schreiben, dann meinen wir einfach alle, die sich selbst in dieser Kategorie sehen.


Wir bemühen uns des Weiteren um genderneutrale oder abstrakte Formen sowie substantivierte Partizipien (Teilnehmende, Zuhörende etc.) insbesondere dann, wenn das Geschlecht nicht relevant ist. Ansonsten verwenden wir neu einen Doppelpunkt (:) anstelle des Sternchens, um alle Geschlechter miteinzuschliessen.


Warum der Wechsel vom Sternchen zum Doppelpunkt? Einerseits überzeugt uns das Argument der Barrierefreiheit bzw. der Maschinenlesbarkeit (Maschinen lesen den Doppelpunkt als kurze Pause). Andererseits sehen wir einen Trend hin zur Verwendung des Doppelpunkts. Und wenn etwas einheitlicher gemacht wird, sind die Chancen grösser, dass es sich durchsetzt.


Ungelöst ist jedoch damit noch folgendes Problem: Wenn wir beispielsweise vom weiblichen Geschlechtsorgan sprechen, dann hatten wir bisher dahinter immer ein Sternchen gesetzt, damit sich auch Personen mitangesprochen fühlten, die zwar eine Vulva besitzen, sich jedoch nicht als weiblich identifizieren. In diesem spezifischen Fall werden wir also auch weiterhin das Sternchen verwenden.


So viel zu unserer momentanen Genderposition. Habt ihr Fragen oder Kommentare dazu? Wir freuen uns auf den Austausch mit euch!


Spannendes zum Thema findest du auch hier:

- «Betreutes Fühlen»: Die Macht der Sprache.

-Edition F

-«Wir brauchen keine Sprachpolizei»

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