''Kinder sind von Geburt an sexuelle Wesen.''

Ein Gespräch mit Lukas Geiser, Dozent für Sexualpädagogik und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PHZH


Wie lange arbeitest du schon als Sexualpädagoge?

Ich arbeite schon fast zwanzig Jahre im Bereich der Sexualpädagogik und sexuellen Bildung.


Weshalb hast du dich dazu entschieden, als Sexualpädagoge tätig zu werden?

Im Jahr 2002 war ich Projektleiter von Sommer-Camps für Jugendliche. Dabei erstellten wir Bühnenproduktionen zum Thema Sexualität, die dann mit über 80 Jugendlichen an der Expo 2002 aufgeführt wurden. Zudem entstand unter Mitarbeit der Jugendlichen ein tolles Lehrmittel. Mir wurde bewusst, dass Jugendliche unendlich viele Fragen rund um Liebe, Sex und Freundschaft haben. Sie suchen nach Antworten und brauchen Unterstützung von uns Erwachsenen. Ebenfalls war und ist es extrem wichtig, dass Jugendliche Beratungsangebote in Anspruch nehmen dürfen und diese auch nutzen. Seit dieser Zeit machen mir die Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen sehr viel Spass und ich erlebe viele wertvolle Momente.


Glaubst du, dass die Jugendlichen in der Schweiz/Stadt Zürich genügend aufgeklärt sind? Woran erkennst du das?

Wer ist denn schon genügend aufgeklärt, wer weiss schon alles über Sexualität? Kinder, Jugendliche und Erwachsene suchen immer nach Antworten auf ihre Fragen und Lebenssituationen. Auslöser können Krisen, Unwissen, Neugierde oder positive Erfahrungen sein. Zudem können wir uns ein Leben lang auf die Suche nach neuem Wissen aufmachen.

Studien zeigen auf, dass Jugendliche ein grosses Bedürfnis haben, mehr über sexuelle Verhaltensweisen und sexuelle Praktiken zu erfahren und nicht nur Wissen zu Verhütung oder sexuell übertragbare Krankheit zu erhalten. Über die gewünschten Themen haben Erwachsene oft Mühe zu sprechen, da diese Themen mit viel Intimität oder Scham belegt sind. In einer globalen, vielfältigen und medialen Welt, in der Sexualität oft künstlich aufgeladen und kommerziell instrumentalisiert wird, besteht eine wichtige individuelle Entwicklungsaufgabe darin, ein reales Selbst zu finden und sich einer sexuellen Identität sicher zu werden. Dazu brauchen Jugendliche korrektes, verständliches Wissen und uns Erwachsene als Gesprächspartner und -partnerinnen.


Was macht die Schule, um ihren Bildungsauftrag im Bereich der Sexualpädagogik zu erfüllen und wie wird die Sexualaufklärung durch die Kompetenzen des LP21 abgedeckt?

Der Auftrag mit dem LP 21 ist klar. Durch die Kompetenzorientierung werden Themen konkretisiert und für Lehrpersonen sowie Lernende fassbarer. Zum Beispiel: «Die Schülerinnen und Schüler kennen ihre Rechte im Umgang mit Sexualität und respektieren die Rechte anderer. ​(Selbstbestimmung, Schutzalter, sexuelle Orientierung, Schutz vor Abhängigkeit und Übergriffen)» Tools wie die Planungshilfen geben Lehrpersonen ein Instrument in die Hand, damit sexualkundlicher Unterricht konkret umgesetzt werden kann (www.phzh.ch/plh-ges ).

Wie in allen anderen Themenbereichen und Fächern, ist entscheidend, dass Lehrpersonen dazu ausgebildet werden. Teilweise ist dies gut gewährleistet, teilweise besteht noch starker Nachholbedarf!


Ab welchem Alter sollten Kinder aufgeklärt werden?

Aufklärung ist als Begriff gesellschaftlich oft mit der Pubertät und Erwachsenwerden verknüpft. Wenn wir diesen Begriff ausweiten und Wissen zu Sexualität, Körper und Sinneswahrnehmung meinen, dann von Geburt an…

Kinder sind von Geburt an sexuelle Wesen. Das Vermitteln von Wissen über den eigenen Körper, über Gefühle, Fortpflanzung und Lebensformen gehört in verschiedene Stadien der Kindheit. Wenn wir beispielsweise bei Kleinkindern Begriffe, wie Vulva oder Penis, selbstverständlich verwenden, dann besitzen sie ein grösseres Sprachrepertoire, und haben die Möglichkeit, darüber zu sprechen.


Weshalb ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche Bescheid über die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane wissen?

Es braucht ein Wissen über den menschlichen Körper und dessen Sexualorganen. Das gehört zu uns Menschen, auch wenn es nicht immer ein vordergründiges Thema ist. Neben dem Wissen macht es Sinn, mit Kindern und Jugendlichen auch darüber zu sprechen, wie es sich anfühlt, welche Reaktionen und Gefühle es gibt. Auch dürfen Kinder und Jugendliche wissen, was Intergeschlechtlichkeit ist. Das Wissen übereinander hilft Vorurteile abzubauen sowie Verständnis und Achtung anderen Menschen gegenüber zu haben.


Ist die Thematisierung von Lust wichtig?

Natürlich! Wir sprechen ja auch nicht über Autos und lassen den Motor weg.


Wie nennst du ‚das da unten‘?

Das da unten? Ich verstehe nicht ganz, was du da meinst….;-) Meinst du Hodensack, Vulva, Penis, Skrotum oder Vagina? Das ist alles da unten. Im Übrigen auch der Bauchnabel und die Beine…


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