Meine Vulva, meine Lust

Aktualisiert: Feb 25

Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.


Der Dokumentarfilm Female Pleasure gibt Zuschauer*innen einen dringend benötigten Denkanstoss. Obwohl die Protagonistinnen in weit entfernten Ländern und uns fremden Kulturen für sexuelle Aufklärung und die Selbstbestimmung der Frau kämpfen, zeigt uns der Film, wie universell und grenzüberschreitend die Mechanismen sind, die Frauen unterdrücken. Denn auch heute in der Schweiz sind wir Frauen sexuell noch lange nicht so selbstbestimmt, wie wir sein sollten.


Als Sex-enthusiastische Feministin konnte ich den Kino-Start vom Dokumentarfilm Female Pleasure kaum erwarten. Und ich wurde nicht enttäuscht. Der Film ist herzzerreissend, motivierend, traurig, hoffnungsvoll, zerstörend und fantastisch zugleich. Es war sehr eindrücklich, die fünf Aktivistinnen bei ihrem Kampf gegen Misogynie und Sexismus zu begleiten und zu realisieren, welche Frauen-unterdrückenden Strukturen auf der ganzen Welt vorhanden sind.


Die beigebrachte Scham


Ein Thema, über das in Female Pleasure viel gesprochen wird, ist Scham. Die Protagonistin Leyla Hussein erklärt, dass Mädchen in Somalia mit Scham über den eigenen Körper und die eigene Lust aufwachsen, weil das weibliche Geschlechtsteil als etwas Schmutziges angesehen wird. Die Protagonistin Rokudenashiko erzählt, dass die Vulva in Japan als obszön gilt und darum tabuisiert wird, während der Penis beim jährlichen Kanamara-Matsuri von Alt und Jung zelebriert wird.

Im Grundsatz kommt mir das bekannt vor. Denn auch in der theoretisch gleichgestellten Schweiz sind Frauen bezüglich ihrer Sexualität nicht von Scham befreit – gopf, laut Duden haben wir sie sogar zwischen den Beinen! Uns wird von klein auf tatsächlich beigebracht, dass die äusseren Hautfalten unserer Vulva «Schamlippen» heissen. Das ist doch idiotisch. Frauen müssen sich nicht für ihr Geschlechtsteil schämen – wieso soll also die Bezeichnung dafür «Scham» enthalten?

Genau das dachten sich die Journalistinnen Gunda Windmüller und Mithu Sanyal auch und schlugen nach einiger Recherche im Oktober 2018 ein neues Wort vor: nämlich Vulvalippen. Ich war überglücklich und erstaunt zugleich. Obwohl ich mich schon immer am Wort «Schamlippen» gestört hatte, war mir kein gutes Synonym dafür eingefallen. Jetzt habe ich endlich eines, das ich stolz verwenden kann.

Wer stattdessen mit Wörtern wie Schamlippen und Vagina über das weibliche Geschlechtsteil redet, reduziert es auf ein (schambehaftetes) Loch. Auf etwas, das höchstens aus einer sehr patriarchalischen Perspektive sinnvoll ist. Ja, zum Kinderkriegen ist die Vagina ziemlich wichtig – aber wann hatten wir zuletzt ausschliesslich Sex, um Kinder zu zeugen?


Sexismus beim Sex


Es gibt kaum ein Thema, das so widersprüchlich behandelt wird wie Sex. Vor allem in Bezug auf Frauen. Aus Werbungen, Filmen und Zeitschriften springen uns leicht bekleidete, dünne, schöne Frauen entgegen, die vor allem Sexyness verkörpern sollen. Weil «sex sells» und so (anscheinend auch in Auto-Werbungen). Unsere Gesellschaft mag sexy Frauen. Doch wenn es um die tatsächliche Lust von Frauen geht, sieht es dann plötzlich ganz anders aus. Eine «Schlampe» wird frau genannt, wenn sie es wagt, ihre Lust mit wem und wie oft sie will auszuleben. Geht’s noch?

Die Basis für ein solch sexistisches Verhalten legen schon die kritischen Kommentare, die frau zu hören bekommt, wenn sie zum Beispiel ein freizügiges Outfit anhat oder mit zwei Typen am selben Abend rummacht. Das Aussehen und Verhalten von Frauen scheinen spezifisch in Bezug zu Sex reichlich Anlass zur Diskussion zu geben – während Männern ein selbstbestimmtes Sexualleben gewährt wird. Nicht komisch also, dass Frauen generell einen unfreieren Bezug zu Sex haben als Männer.

Wie meine Freundinnen, die mir nach einigen expliziten Fragen meinerseits schliesslich gestehen, dass sie den herzigen Typen von gestern Abend tatsächlich mit nach Hause genommen haben und … mit ihm Sex hatten. Als wäre es etwas Verbotenes, Unanständiges, das sie mir in einem Vertrauensmoment zuflüstern. Als hätten sie eigentlich die Erlaubnis nicht gehabt, aber der Versuchung nicht widerstehen können. Es schmerzt mich, dass sie das Gefühl haben, dass sie sich dafür verteidigen müssen, nur weil das jetzt wieder ein One-Night-Stand war und nicht die grosse Liebe. So sollte es doch nicht sein! Safe Sex ist etwas vom Schönsten, das es gibt, und wenn die beteiligten Personen sich respektvoll verhalten und niemanden verletzen (wie bspw. eine*n unwissende*n Partner*in), gibt es daran rein gar nichts auszusetzen. Auch bei oft wechselnden Sexualpartner*innen.

Aber ich weiss ja, woher die Vorsicht meiner Freundinnen kommt, wieso sie die Anzahl der Sexualpartner*innen lieber geheim halten, und wieso sie sich ein klein wenig schämen, wenn sie der Lust «nachgegeben haben». Weil sie wissen, dass sie nicht die gleiche privilegierte Stellung geniessen, wie der herzige Typ, der bei seinen Kollegen stolz und zufrieden erzählen kann, dass er Sex hatte – und dafür Applaus und High-Fives erntet. Weil bei Frauen dann plötzlich das Patriarchat mit der Faust auf den Tisch schlägt und schreit: «Stopp! Irgendwann ist dann auch mal genug!». Weil sie riskieren, verurteilt zu werden – von Fremden, von den Eltern, von einer Kollegin oder vom potentiellen neuen Freund.


Von Masturbation bis Sex


Neben patriarchalischen Strukturen erschwert aber auch eine ungenaue Aufklärung die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Viele Aufklärungsbücher handeln nämlich von Fortpflanzung, Geburt, Fruchtbarkeit, Menstruation und Verhütung. Um sexuelles Selbstbewusstsein und Lust geht es kaum. In vielen Büchern wird nicht einmal die Klitoris erwähnt. Die Klitoris!

Dasselbe im Sexualunterricht. In meiner Schulzeit wurde ich mindestens drei Mal aufgeklärt. Doch Themen wie Lust, Einverständnis zum Sex, weibliche Masturbation und Orgasmen wurden nur knapp behandelt, wenn überhaupt. Darum hatte ich früher auch noch nie mit meinen Freundinnen über Masturbation gesprochen. Es war irgendwie ein Tabuthema, etwas Verstecktes, über das nicht geredet wurde. Ich hätte mich liebend gerne mit meinen Freundinnen darüber ausgetauscht, aber ich wollte mich dann doch nicht «outen», um mich vor eventuell negativen Reaktionen zu schützen. Den einzigen Input bekam ich also von der wöchentlichen Bravo. Darin las ich, dass Selbstbefriedigung etwas Normales und sehr Positives ist. Immerhin das. Aber wollen wir uns in einer modernen Gesellschaft mit einem vermeintlich seriösen Sexualkundeunterricht wirklich auf ein Teenie-Magazin verlassen, um über unsere Körper und unsere Lust aufgeklärt zu werden? Eher nicht.

Wenn Mädchen also weder in Aufklärungsbüchern noch in der Schule über weibliche Lust, weiblichen Sexualtrieb oder die Klitoris vollständig aufgeklärt werden, geschweige denn wissen, dass ihr äusseres Geschlechtsteil nicht Vagina, sondern Vulva heisst – wie sollen sie dann zu selbstbewussten Frauen heranwachsen, die mit ihrem Körper und ihrer Lust komfortabel umgehen können?

Das Unwissen zieht sich ja dann weiter bis zum Sex. Sex, den Männer mögen und Frauen irgendwie nicht ganz zu ihrem machen können. Wie denn auch, wenn keine*r von beiden weiss, wo die Klitoris ist und wozu sie da ist. Es ist ein hartnäckiger Mythos, dass die Stimulierung der Frau so unglaublich kompliziert sei. Es fehlt einfach das Wissen – und ganz ehrlich; die Aufmerksamkeit! Mensch stelle sich vor, über die Vulva würde so oft und heiss gesprochen wie über den Penis. Ich denke nicht, dass Frauen noch «Orgasmusprobleme» hätten.

Zudem scheint es eine ungewöhnliche Meinung zu sein, dass Orgasmen bei Frauen kein Bonus sind, sondern zum Alltag gehören (können, sollen, müssen?). Mich stört nicht, dass beim Sex mal der Orgasmus ausbleibt. Mich stört, dass der weibliche Orgasmus generell unwichtiger ist. Ich sehe es nämlich wie Samantha in Sex and the City: «If I RSVP to a party, I make it my business to come.»

Frauen lieben und brauchen Sex, genauso wie Männer. Gewisse Männer finden Sex lediglich eine schöne Nebensache – genauso wie gewisse Frauen. Das ist normal und gut so. Wir wären alle so viel freier, wenn wir die Stereotypen-Brille mal ablegen würden und uns einfach auf den Menschen vor uns konzentrieren würden. Und wenn wir die schönste Sache der Welt Frauen nicht so schwer machen würden.


Solidarität unter Schwestern


Die Regisseurin Barbara Miller zeigt in ihrem Dokumentarfilm Female Pleasure deutlich, dass jede Frau in diesem Film etwas mit der anderen und letztlich mit uns allen zu tun hat. Jede der fünf Protagonistinnen kämpft für ihre Rechte und damit für die Rechte aller Frauen. Das ist sowohl eindrücklich, als auch motivierend. Ich fühle mich sehr solidarisch mit meinen Mitfrauen – meinen Schwestern – und genau mit diesem Gefühl habe ich auch das Kino verlassen.

Wenn ich also in meinem Umfeld mit Sexismus und Misogynie konfrontiert werde, wehre ich mich dagegen. Darin bestärkt fühle ich mich genau von solchen Frauen wie Barbara Miller, den Aktivistinnen aus dem Film, Gunda Windmüller, Mithu Sanyal und viele, viele andere, die auf ihre eigene Weise in ihrem Umfeld eine positive Veränderung bewirken.

Ich möchte eine von ihnen sein, denn auch hier in der Schweiz brauchen wir solche Frauen. Damit schliesslich jede Frau stolz sagen kann: «Das ist meine Vulva und meine Lust.»

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