Schon wieder ein Blick nach unten oder ein blöder Spruch im Alltag?

Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.


Kennst du das Gefühl auch, wenn dir jemand nicht in die Augen schaut, sondern die Blicke gleich nach unten wandern? Oder du dir von irgendjemandem, wie dem Kioskverkäufer oder einem Typen im Ausgang, völlig unangebrachte Sprüche gefallen lassen musst? Hat es dich auch schon aus dem Konzept gebracht, dass dir ein Fremder, Bekannter oder sogar Freund von dir plötzlich zu nahe kommt und deine Grenze nicht respektiert? Auch mir ist das schon zu oft passiert und es gehört schon fast zum Alltag, dass Fremde oder kurze Bekanntschaften Sprüche klopfen oder ungewollt Körperkontakt suchen. Seit ich vierzehn Jahre alt bin, laufe ich im Sommer ungern an einer Baustelle vorbei und werde im Alltag mit solchen Situationen überfordert. Leider passieren uns solche Begegnungen so oft, dass ich manchmal das Gefühl bekomme, wir Frauen* haben uns schon so daran gewöhnt und nehmen es einfach hin, in der Hoffnung, dass Annäherungsversuche von selbst aufhören, weil wir es nicht anders gelernt haben. Dabei ist es wichtig und wird sicherlich jedem zugute kommen, wenn wir Belästigungen nicht ignorieren und verdrängen, sondern uns wehren und für unseren Wert einstehen. Oft wird man von dem Geschehnis aber überrumpelt und weiss dann nicht, wie reagieren oder geschickt kontern.

Run, Forrest, Run – es ist okay!

Die einfachste, aber meist nicht effektivste Möglichkeit ist, schnellstmöglich der Anmache zu entfliehen. Alleine oder mit Hilfe einer Freundin oder eines Freundes kannst du den Platz wechseln und so Abstand gewinnen. Du kannst zum Beispiel auch die Toilette als Ausrede benutzen und brauchst dir gar nicht gross einen Vorwand zu überlegen, denn du bist niemandem ausser dir selbst etwas schuldig und musst keine Rechenschaft übernehmen.

Wenn dies nicht nachhaltend wirkt, gibt es den Weg der Aufmerksamkeit. Schenk deinem Gegenüber Aufmerksamkeit – aber nicht die, die er sucht. Nimm die Berührung wahr und zeig deinem Gegenüber deutlich, dass du unangenehm überrascht wurdest. Es ist okay, seine Hand wegzulegen und so deine Grenzen aufzuzeigen. Eine offensichtlich negative Reaktion wird er sich nicht erwünscht haben und ihn hoffentlich genauso überraschen wie dich.

Wenn auch das deinem Gegenüber als Offensive nicht gereicht hat, musst du zurückschlagen und kontern. Mitten im Geschehnis einen guten Spruch abrufen zu können ist nicht immer einfach, aber so kreativ musst du gar nicht sein. Wiederhole sein Statement oder seine Frage und lass ihn deine Überraschung über seine Aussage sichtlich spüren. Oft genügt etwas wie ‘Mit dieser unangebrachten Anmache hast du gerade jegliche Chancen bei mir vermasselt’, was subtil sein Ego verletzt und ihn seine Aufdringlichkeit fragwürdig darstellen lässt. Wenn er seine Aussage zusammen mit einer starken und bestimmten Reaktion aus deinem Mund hören wird, wird ihm hoffentlich spätestens dann bewusst, dass er lieber einen Rückzieher machen und seine Aufdringlichkeit überdenken soll.

Aus eigener Erfahrung habe ich gelernt, dass es hilft, Freund*innen einzuweihen und auch unangenehme Vorkommnisse laut auszusprechen und zu verbalisieren. Tauscht euch aus, unterstützt euch gegenseitig und verleiht euch Mut. Auch würde ich nicht damit zögern, Freund*innen einzuschalten, die ein Auge drauf werfen und im Notfall eingreifen können. Wir feiern unsere Freundin noch heute dafür, dass sie einem Typen im Ausgang Wasser ins Gesicht geschüttet hat. Auch als aussenstehende*r Beobachter*in kannst und solltest du immer mit dem Grundsatz lieber einmal zu viel als zu wenig eingreifen und nachfragen, ob alles in Ordnung ist.

Die unangenehmste, aber fast wichtigste Arbeit ist, sich auch mit nicht gelungenen Situationen zu beschäftigen. Manchmal haben wir mehr Macht, wenn wir eine erlebte Situation nach oben weiterleiten und uns so Gehör und Hilfe verschaffen. Nimm dir Zeit, das Geschehnis zu reflektieren und kontaktiere Leute, die sich auch im Nachhinein für dich einsetzen. Scheu dich nicht, im Club an die Bar zu gehen oder beispielsweise dem Kioskunternehmen dein Erlebnis zu schildern. Es ist NICHT okay, wenn du schon nur eine unerwartete Minute von einem Fremden oder sogar Angestellten unangebrachte Blicke und Sprüche spüren musst. Die investierte Zeit wird sich nicht nur für dein Selbstbewusstsein und deinen Selbstwert lohnen, du kannst damit auch viele folgende Situationen verhindern und andere Frauen* davor bewahren. Ich hoffe, dass wir alle unsere Energie dafür einsetzen, uns mitzuteilen und durch das Melden jeder Belästigung nicht nur eine Stimme, sondern tausende Stimmen laut werden.

Bedeutend ist, dass wir kritische Situationen wahrnehmen und ihnen ernsthafte Beachtung schenken. Lasst uns alle zusammen Stärke zeigen, um alltägliche Situationen zu beleuchten, aber auch ernste und gefährliche Belästigungen zu verhindern. Wenn wir das Problem an der Wurzel packen, brauchen wir auch gar nicht den ganzen Baum zu fällen. Ich möchte dir ans Herz legen, dass du gut auf dein Bauchgefühl hörst und für dich und deinen Wert einstehst, wann immer es erfordert wird.

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