Simone de Beauvoir – Das andere Geschlecht

Aktualisiert: Apr 26


Zuordnung: Existentialistischer Feminismus / Gleichheitsfeminismus

Wann: 1949


Über die Autorin:

De Beauvoir ist eine französische Philosophin, die 1908-1986 gelebt hat. Sie wird manchmal als Mutter der feministischen Theorie bezeichnet, ist jedoch keineswegs eine unumstrittene Figur.


Hauptthesen:

Man wird nicht als Frau geboren – man wird während des Lebens zur Frau gemacht. In der Gesellschaft werden Frauen nur als Frauen wahrgenommen, wenn sie gewisse Kriterien erfüllen, die als weiblich gelten. Der Mann hingegen ist in der allgemeinen Wahrnehmung und in seiner Selbstwahrnehmung immer Subjekt; das Wesentliche, das Normale, während die Frau immer «das Andere» ist; Objekt ist. Und durch die Abgrenzung davon, definiert sich der Mann.


“Ein Mann beginnt nie damit, sich als Individuum eines bestimmten Geschlechts darzustellen: dass er ein Mann ist, versteht sich von selbst. (…) Sie ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.” (s. 11/12)



Warum der Text heute noch relevant ist:

Obwohl es die Unterscheidung sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) damals noch nicht gab, kann Simone de Beauvoir als Vorreiterin dieser Unterscheidung gelesen werden, weil sie sagt, dass Biologie Menschen nicht zu Frauen macht.

Vieles, das de Beauvoir schreibt, könnte heute noch genauso geschrieben werden. Und das ist erschreckend. Ein Beispiel:


“Wirtschaftlich bilden Männer und Frauen fast zwei Kasten: bei gleichen Voraussetzungen haben die Männer vorteilhaftere Stellungen, höhere Löhne, mehr Aufstiegschancen als ihre neuen Konkurrentinnen. Sie haben in der Industrie, in der Politik usw. viel mehr Stellen inne und besetzen die wichtigsten Posten. Ausser ihrer konkreten Macht besitzen sie ein Prestige, dessen Tradierung durch die gesamte Kindererziehung gewährleistet wird.” (s. 17)


Die heutige Normstellung des Mannes wird auch mit einem Blick auf unsere Sprache deutlich. Zwar ist vieles im Wandel, doch es ist noch lange nicht geschafft, gendergerechte Sprache massentauglich zu machen. Noch immer ist die männliche Form vielerorts der Normalfall. Erschreckend finden wir auch, dass oft Frauen selbst von sich aus in der männlichen Form reden («Ich bin Vegetarier» «Ich möchte gerne Chef werden» etc.). Wie ihr wisst, glauben wir an den realitätsformenden Charakter der Sprache und finden deshalb das Auftreten von verschiedenen Geschlechtern in der Sprache sehr wichtig.


Was wir kritisieren:

De Beauvoir und andere Vertreter*innen des Existentialismus glaubten an die Doktrin der Wahl. Jede*r könnte ihr / sein Leben so gestalten, wie sie / er es möchte. Diese Doktrin der Wahl griff auch in ihr Verständnis von Geschlechtlichkeit und sexueller Orientierung über. Heute wissen wir natürlich, dass man sich weder gender noch sexuelle Orientierung aussucht.

Ausserdem könnte kritisiert werden, dass die Frau sehr passiv, zu sehr in der Opferrolle und in Abhängigkeit vom Mann aus beschrieben wird. Doch auch hier müssen wir im Kopf behalten, in welcher Zeit der Text entstanden ist, und dass 1949 die wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit sehr stark war.


Was uns besonders gefällt:

Die Beschäftigung mit dem Konzept der Alterität (die Frau als das Andere). Alteritätskonzepte und damit verbundene Unterdrückung finden sich vielerorts (auch als «Othering» bekannt): in Nationalitäten, in Klassen, in Minderheiten. Doch im Falle der Unterdrückung der Frau gibt es eigentlich keine nachvollziehbare Ursache. Frauen sind weder Minderheiten, noch gab es ein Davor, eine Zeit, in der es anders war. Laut de Beauvoir liegt das daran, dass “das Band, das sie [die Frauen] mit ihren Unterdrückern verbindet, (…) mit keinem anderen vergleichbar [ist].” (s. 15)


Was meint sie damit? Wohl, dass ein Unterdrückungssystem nur aufrechterhalten werden kann, sofern die Unterdrückten das System mittragen (aus welchen Gründen auch immer): das ist ihre Definition von Macht. Wäre es anders, handelte es sich um reine Gewalt. Doch was ist nun ihr Weg daraus? Sie schreibt:


«Um klarzusehen, muss man diese eingefahrenen Gleise verlassen; man muss den verschwommenen Begriffen Überlegenheit, Unterlegenheit und Gleichheit, die alle Diskussionen entstellt haben, eine Absage erteilen und ganz von vorn beginnen.” (s. 23)


Ohne einen «Reboot» des gesamten Systems, sieht sie keine Möglichkeit, die Machtverhältnisse jemals auszugleichen. Dass dies heute noch nicht gelungen ist, mag einem pessimistisch stimmen. Wir können den Text aber auch als Aufruf verstehen, diese Forderungen in unserem ganz persönlichen Wirkungskreis umzusetzen.


Quelle: Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rohwolt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1992, 10. Auflage 2009.