Viva la vulv(eri)a!




Wir von das da unten freuen uns über mitwirkende Gastautor*innen! Mit dem Blog möchten wir eine Platform bieten, auf der persönliche Erlebnisse, Gedanken sowie Ideen ausgetauscht werden. Es kann gut sein, dass wir von das da unten nicht immer der gleichen Meinung, wie unsere Gastautor*innen sind. Solange die Inhalte jedoch nicht diskriminierend sind oder problematische Anregungen schaffen, begrüssen wir einen offenen Diskurs.


Wann hast du das letzte Mal eine Vulva auf der Strasse, im Internet oder auf Papier gesehen? Du kannst dich nicht daran erinnern? So ging es mir vor über einem Jahr auch. Ich merkte: Die Vulva ist in unserem Alltag wenig präsent. Wir sehen sie nicht und wir reden nicht darüber. Wenn doch, ist sie die Mumu, das Schnäggli oder «das da unten». Ich wollte mehr wissen: Warum ist das so? Hemmungen, Scham, Unterdrückung, plastische Vaginalchirurgie. Ich erfuhr, dass immer mehr Menschen, auch gerade junge, sich für eine Verschönerung ihrer Vulva interessieren. Sie haben das Gefühl ihr Geschlechtsteil entspräche nicht den gültigen Schönheitsidealen, nicht der medial präsentierten Norm. Menschen sehen sich gezwungen ihre Vulvalippen zu verkleinern, um sich wohl zu fühlen, um der Porno- und Medienvorbildvulva zu entsprechen, wo alles schön innen versorgt und rasiert ist. Ich war (und bin es immer noch) schockiert. Schockiert davon, was Scham und Hemmungen auslösen können. Sofort kam die Frage auf: Was kann ich tun?

Ich begann Vulven zu malen. Abstrakt, verspielt, farbig, golden oder 3D, so verschieden, wie Vulven eben in Wirklichkeit sind. Ich war begeistert und suchte vermehrt den Dialog. Was passierte, motivierte mich. Ich setzte mich mehr mit meinem eigenen Geschlechtsteil auseinander. Ich stellte fest, dass auch für mich meine Vulva lange einfach «das da unten» gewesen war. Genaue Begrifflichkeiten und Details waren mir teilweise neu. Ich empfand zeitweise Scham: Wie konnte es sein, dass ich mich so wenig kannte? Im Gespräch mit anderen konnte ich diese Scham überwinden. Ich realisierte, dass es ihnen ähnlich ging wie mir. Das beflügelte und gab mir Sicherheit. Wir müssen uns nicht schämen. Wir können benennen, diskutieren, sensibilisieren, um uns wohl und sicher zu fühlen. Wir können uns informieren, um unserem Körper und unserem Geschlechtsteil wertfrei und liebend zu begegnen mit allem was es mit sich bringt: Ecken, Kanten, Pilze, Menstruation, Schmerzen. Letztere sind ein zentrales Thema in meinem Leben. Ich leide seit mehreren Jahren an chronischen Kopfschmerzen. Es ist erst das zweite Mal, dass ich dies so öffentlich aussprechen kann. Auch hier gibt es Scham, Schuldgefühle, Ängste und Verstecken. Das Malen hilft mir mit diesen Gefühlen. Es beruhigt mich und macht Tage, an denen nichts mehr geht ausser vom Bett zum Sofa hin und her zu wechseln farbiger, erträglicher. Zudem motiviert es mich, etwas Schönes kreieren zu können und dabei möglicherweise noch einen Dialog, eine Veränderung zu fördern.

Während der Coronakrise sah ich mehr Handlungsbedarf. Bis dahin hatte ich einfach ein bisschen für mich gemalt, Diskussionen geführt, ausprobiert. Dann aber erfuhr ich, dass die häusliche Gewalt in der Pandemiekrise anstieg. Ich beschloss meine Bilder auf Facebook zu veröffentlichen und sie zu verkaufen. Das Projekt «Vulveria» war offiziell geboren. Es kostete mich Überwindung mit meiner Kunst an die Öffentlichkeit zu gehen. Waren die Werke gut genug? Was würden die anderen denken und sagen? Das Feedback war toll. Meine Freude, die ich seit Beginn an den Bildern hatte, wurde gespiegelt und ich sammelte fast 1000 Franken für die Menschen- und Frauenrechtsorganisation «Terre des Femmes Schweiz». Nach diesem Projekt war ich motivierter denn je und immer mehr der festen Überzeugung, dass das Sensibilisieren zum Thema Vulva, Vagina und Klitoris unabdingbar ist für unser Wohlbefinden; dass das Zeigen von Diversität essenziell ist. Hilde Atalanta (2019, S.20) schreibt in ihrem Buch A Celebration of Vulva Diversity dass sich Menschen mit «nicht normativen» Vulven unwohl fühlen, Sex als stressig empfinden und ein tieferes Selbstbewusstsein haben können. Dies kann dazu führen, dass sich diese Menschen eher potenziell gefährlichen sexuellen Situationen wie ungeschütztem Geschlechtsverkehr aussetzen. Das alles aufgrund eines Ablehnens der eigenen Vulva, weil sie nicht einer Norm entspricht, die es eigentlich gar nicht gibt. Ich wünsche mir, dass Vulven in ihrer ganzen Diversität abgebildet werden und zugänglich sind. Besonders für junge Menschen mit Vulven, die an ihrem Körper zweifeln. Für ältere Personen mit Vulven, die sich nicht wohlfühlen. Ich möchte die Diversität der Vulven normalisieren und so Menschen empowern, damit wir zu uns stehen und uns dem (Leistungs-)druck entziehen können. Ich schreibe bewusst von «Menschen mit Vulven», weil ich die starre «Frau-Vulva» / «Mann-Penis» Binarität nicht unterstützen will.

Ich darf mich sehr glücklich schätzen ein Vulva-begeisterungsfähiges, unterstützendes Umfeld zu haben. Meine Freund*innen sind offen, sprechen mit mir über Vulven und verwandte Themen wie sexuelle Selbstbestimmung oder das eigene Körpergefühl. Heute erhalte ich fast täglich von geliebten Menschen Bilder von Vulven, denen sie begegnen. Daraus ist in unserer Wohnung die Vulvagalerie entstanden. Viele verschiedene Motive, die einer Vulva gleichen, zieren die Wand: Orangen, Brotteige, Ventile, Mangos, Erdbeeren oder Muscheln. Das treibt mich an weiter zu machen. Nach dem Terre des Femmes Projekt ging es immer voran. Ich malte, probierte aus, hatte viel Freude am kreativen Schaffen. Ein Instagram Account entstand. Die Plattform inspirierte mich. Zu sehen was andere Vulvakünstler*innen zauberten, war toll: Töpfe, Skulpturen, Ketten, Origami, Kissen und, und, und. Vor Kurzem erschien «Vulveria» in der Berner Zeitung. Es freut mich riesig, dass dieses Thema in einer breit gelesenen Zeitung aufgenommen wurde. Es zeigt mir, dass eine Bereitschaft zur Öffnung, zum Brechen von Tabus da ist, zum Abbau dieser Scham, die wir alle in irgendeiner Form kennen. Es zeigt mir, dass sich etwas in unserer Gesellschaft bewegt. Ich wünsche mir mehr davon. Ideen habe ich viele. Vulvafotos, Skulpturen, Shirts, Socken, Taschen, Drachen, Flaggen. Alles soll kreativ vulvaisiert werden. Ich wünsche mir, dass «Vulveria» viele Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen kann. Ich wünsche mir, dass gemalt, geformt, diskutiert, benennt wird. Ich wünsche mir einen Informationsaustausch und ein schambefreites Dasein. Viva la vulva!


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